Gesammelte Kurzgeschichten

Eigentlich verstehe ich mich nicht als Schreiber von Kurzgeschichten. Infolge meiner Aktivität im Fantasy-Geschichten-Forum.de habe ich allerdings aus Spaß ab und zu am dortigen Schreibwettbewerb mitgemacht. Mit der Geschichte "Zeig mir den Himmel" hab ich sogar einmal gewonnen. Hier sind die Ergebnisse:


Schreibwettbewerb zum Thema: Schwarz wie Ebenholz, Weiß wie Schnee und Rot wie Blut

 

Kinderliebe


Es war einmal in einem weit entfernten Land vor langer, langer Zeit ... naja, eigentlich war es erst letzte Woche, aber ich glaube, diese Information ist sowieso nebensächlich ... Mist! Jetzt habe ich den Faden verloren. Ich sag doch, die Geschichte sollte besser eure Mutter erzählen. Ich fang noch mal an, ja?
Also ... Ächem: Es war einmal in einem weit entfernten Land, so ungefähr Mitte letzter Woche, da lebte eine böse Königin. Diese Königin hat leider zu viele unterernährte Models in der Flimmerkiste gesehen und sich deshalb ein schwer geschädigtes Selbstwertgefühl eingehandelt, welches sie mit ihrem Aussehen zu kompensieren versuchte ...
Moment mal eben Kinder ... Was soll das heißen, damals gab es noch keine Fernseher? Ich sagte doch, es war erst letzte Woche und ... Wie jetzt, dass ich das Märchen letzte Woche auswendig gelernt habe, spielt keine Rolle? Also gut, wenn du meinst, Schatz ...
Okay Kinder, ich habe gerade aus verlässlicher Quelle erfahren, dass die Königin zu arm war, um sich einen Fernseher zu leisten und die Models in den billigen Illustrierten beim Arzt ... ähm, beim Heiler gesehen hat. Wie auch immer, jedenfalls verbrachte sie deswegen viel Zeit in diversen Schönheitssalons, anstatt sich um ihren königlichen Haushalt zu kümmern.
Woher sie das Geld für einen Besuch im Schönheitssalon hatte, wenn sie arm war? Ach Kinder, seid nicht so ungeduldig und stellt nicht so dämliche Fragen, sondern lasst mich einfach zu Ende erzählen, das klärt sich alles am Schluss.
Jedenfalls schien es der Königin nach zahlreichen Behandlungen an der Zeit zu sein, ihren magischen Spiegel nach dem Ergebnis zu befragen. Ihr müsst wissen, die Königin war nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen, schließlich brachte sie ihren Möbeln schon mehr Vertrauen entgegen, als ihrem Kosmetiker. Naja, besser den Spiegel, als ihren vielen Freunden bei Facebook, unter denen der Kosmetiker der einzige war, mit dem sie jeh wirklich ein Wort gesprochen hatte. Aber das nur am Rande.
Und so trat sie vor den Visagenreflektor und sprach:
„Spieglein, Spieglein an der Wand. Wer ist die Schönste im ganzen Land?“
Der Spiegel, eine ovalförimge 08/15 Anfertigung – so wie wir sie auch bei Ikea gekauft haben – rührte sich zuerst nicht, doch dann verschwamm die Oberfläche zu dem geisterhaften Gesicht eines jungen Mannes – womit er seine Funktion als Spiegel natürlich vollkommen verfehlte.
Kritisch musterte er die Königin. Denn wahrlich, sie zeigte einen gar merkwürdiger Anblick. Ihre Haare, waren von den vielen Bädern im Sonnenstudio bereits ausgeblichen und weiß wie Schnee ... also nicht so, wie diese frischgefallene Flockendecke, die ihr auf eurem Advenzkalendern seht, sondern eher wie diese dreckige Pampe, die man nach einem Tag auf der Arbeit immer unter den Schuhen kleben hat.
Was? Natürlich gab es Sonnenstudios! Jene wurden von unfähigen Magiern betrieben, die in ihrer Karriere über das Meistern eines Lichtzaubers nicht hinausgekommen sind. Also hört jetzt auf, alles besser zu wissen, ich erzähle die Geschichte!
Hrm ... aber der Spiegel blickte noch weiter; er begnügte sich nicht nur mit Oberflächlichkeiten. Und so spähte er hinein in die tiefste Tiefe ihres Herzens, welches schwarz war, wie verkohltes Ebenholz.
Angewidert hob der Spiegel seinen Blick und sah in ihre rot vom Blut unterlaufenden Augen. Am liebsten wäre er sofort in tausend Scherben zersprungen.
„Ich weiß nicht“, meinte er nach dem ersten Schock. „Ich kann nichts sehen, Ihr steht im Weg.“
Zorn erfasste da die Königin und wütend wollte sie den Spiegel mit ihrer Haarbürste zerschlagen, besann sich dann aber eines Besseren. Schließlich hatte sie für dieses wertvolle Möbelstück viel Geld bezahlt ... Nein, sie ist ja arm, gerade WEIL sie ihr Geld für sowas wie einen verzauberten Spiegel zum Fenster rausgeworfen hat! Jetzt hört auf, dazwischenzureden, ich will gleich Fußball sehn. Zurück zur Geschichte:
Die Königin zügelte also ihre Wut und wiederholte ihre Frage – diesmal eindringlicher.
„Hör zu, du vorlauter Freak! Noch so ein Scherzchen und es setzt was, klar!? Also, wer ist die Schönste, in diesem Land?“
Daraufhin ward der Spiegel zutiefst eingeschüchtert und so gab er preis, was die Königin zu hören verlangte.
„Nun, das hängt ganz davon ab, wie ihr Schönheit definiert. Es gibt ja so etwas, wie innere und äußere Schönheit und außerdem ...“
„Äußere Schönheit natürlich“, unterbrach ihn die Königin barsch.
Abermals verzog der Spiegel empört die Lippen. Dann sagte er mit einem Seufzen:
„Ihr, meine Königin“, wobei er sich an all die zahlreichen hübschen Mädchen erinnerte, die die Irre hat hinrichten lassen, damit sie allein die unangefochtene Schönheit darstellte. Er ...
Ja, ich weiß, dass das brutal ist! Märchen sind immer brutal, deswegen sind sie auch für Kinder, Herrgott noch mal!
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja!
Doch es gab ein Mädchen, dass dem Zorn der Königin entgangen ward und so sagte der Spiegel:
„Doch Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als ihr.“ Seht ihr? Deswegen ist die Königin auch so hässlich, damit das mit dem „tausendmal“ auch hinkommt, einfachste Mathematik, Kinder. Was soll das heißen, etwas Hässliches mit Tausend multipliziert muss etwas noch viel Hässlicheres ergeben? Das ist doch Schwachsinn! Jetzt lasst mich endlich weitererzählen!
„Schneewittchen?“, entfuhr es der bösen Königin. „Aber die hat doch der Jäger erschossen. Ich habe die Lunge und die Leber gesehen, die er mir zum Beweis brachte. Wieso lebt sie also noch?“
... ja, ich weiß, dass das erst später kommt, aber ihr habt so viel dazwischengequatscht, dass ich die Geschichte jetzt rigoros kürze. Ihr müsst einfach nur wissen, dass die Königin den Jäger anwies, Schneewittchen zu töten, er sie aber verschont hat und der Spiegel sie aber gerade verplappert hat, was er nicht hätte tun müssen, weil die Königin ja nur nach der Schönsten in ihrem Land fragte und nicht nach der Schönsten der Welt. Da sieht man mal, dass Magie verblödet.
Weiter im Text: Wutschwelend schmiedete die Königin einen wahrhaft teuflischen Plan. Sie verkleidete sich als hässliche, alte Apfelverkäuferin – was ja kaum schwer fiel – und machte sich auf in das Land der Zwerge, um das liebe Schneewittchen mit einem vergifteten Apfel aus dem Weg zu räumen.
Was heißt das, da kommt noch was? Nein, ich bin mir sicher, dass es so weitergeht und ... hey, ihr beide seid selber Schuld, dass ich die Geschichte kürzen muss und ... Weißt du, wenn es nach mir ginge, dürftest du sogar den ganzen Tag mit deinem Nintendo daddeln, aber dann bekomme ich Ärger mit eurer Mutter und wenn die abends wütend ist, lässt sie mich nicht mehr ran... dalieren. Was randalieren bedeutet? Sagt mal, was bringen euch die Lehrer in der Schule eigentlich bei!? Schlagt es im Duden nach, wozu kaufe ich euch sonst diese teuren Schulbücher? Und jetzt hört auf abzulenken, wir sind fast durch mit der Geschichte!
Ächem ... Jedenfalls ließ sich Schneewittchen von der Schönheit des Apfels betören und biss herzhaft hinein, wodurch sie tot umfiel. Die Zwerge und auch die Tiere im Wald betrauerten alle Schneewittchens Tod, während die Königin in ihrem Schloss nun endlich von ihrem Spiegel zu hören bekommt, dass sie die Schönste sei. Ende.
Und die Moral von der Geschichte ist, dass sich Dreistigkeit und Bosheit in dieser Welt immer durchsetzen werden, man schaue sich nur die Börsenspekulanten und die machtgierigen ... nein, da kam kein Königssohn daher, der den Sarg anstieß, worauf das vergiftete Apfelstück aus Schneewittchens Mund flog und sie wie durch ein Wunder ins Leben zurückkehrte. Das ist gar nicht möglich, weil sie das Apfelstück längst verdaut haben muss. Und selbst wenn – sie wäre in der Zwischenzeit verhungert und .. es war ein magischer Sarg, der das verhinderte? Hört mal, wenn ihr alles so viel besser wisst und das Ende kennt, dann brauche ich euch ja keine Geschichten mehr zu erzählen.
So, und jetzt schlaft endlich.


Schreibwettbewerb zum Thema: Luftige Höhen und tiefe Wasser

 

Zeig mir den Himmel

Wie lange ist es her?
Sag mir, wann habe ich das letzte Mal den Ruf des Meeres vernommen? Der Stimme des Ozeans geantwortet, dem Gesang der See gelauscht? Hat sie mich bereits verloren, mich verlassen, mich aufgegeben? Warum ist das sanfte Wispern meiner Heimat verklungen?
Sag mir, habe ich bereits vergessen, wie die Wellen säuseln, wie der Mond die Gezeiten formt? Wie fühlt es sich an, frei zu sein; zu schwimmen, wohin einen die Strömung treibt?
Sag mir, wann habe ich das letzte Mal meine Tochter in den Armen gehalten? Sie auf ihrem Seepferd über das Riff ziehen sehen? Ihrem wundervollen Lachen gelauscht, wenn die Strömung sich dreht und der Klang des Ozeans ihr Herz mit Freude erfüllt?
Viel zu lange ist es her ...
Die Stimme des Meeres wird immer schwächer – ich werde immer schwächer. Schon bald wird sie gänzlich verklingen; ich kann es fühlen – das Einzige, was ich noch fühlen kann. Wenn ich mich doch nur erinnern könnte, wie sich Wasser anfühlt, wie das erste Licht der Sonne die See um mein Heimatriff in bunte Farben taucht, oder wie sich die Stimme meiner geliebten Tochter anhört. Es ist alles so fern ... so fern.
Die Erde bebt bereits. Erde ... so ungewohnt, so fremd, so schwer zu verstehen. Sie singt nicht, flüstert nicht, erzählt nicht. Sie ist stumm und hört zu. Nichts habe ich ihr zu sagen. Meine Stimme ist mir genommen.
Die Erschütterungen nehmen zu, folgen einem natürlichen Rhythmus, einem Pfad, der sie zu mir führt. Kündigt die schweigsame Erde selbst mein Ende an? Welch Ironie ...
Das Beben verstummt.
Erschöpft öffne ich ein Auge als der schwere Riegel zurückgeschoben und die Tür zu meiner Zelle aufgestoßen wird. Kräftige Hände werfen eine Gestalt in die Ecke; die Art, wie sie auch mich in diesen Raum willkommen geheißen hatten. Ein weiterer Unglücklicher, den sie seiner Freiheit berauben.
Stöhnend rappelt der Neuankömmling sich wieder auf, bevor er regelrecht in die Höhe schießt, unter der Decke schwebt. Ein Aitherier! Ein Kind des Himmels! Ein Todfeind der Tritonen! Mein Todfeind! Ich gestatte mir ein bitteres Lächeln. Es bedeutet das Ende meines Leides, das Ende der Pein.
„Aitherier“, mache ich auf mich aufmerksam. „Du verschwendest deine Kräfte. Die steinerne Decke wird dich nicht in die Lüfte aufsteigen lassen.“
Ruckartig dreht das Wesen den Kopf, während seine Füße langsam wieder auf den Boden kommen. Eigentlich sind wir uns gar nicht so unähnlich – wir sind beide Kinder der Elemente. Auch die Kinder der Erde – die Menschen, die uns gefangenhalten – sind uns nicht so fern, wie es den Anschein hat. Nur haben sie aufgehört, der Erde ihre Geschichten zu erzählen, sie haben ihre Stimme verloren. Die Kinder des Feuers sind bereits lange verschwunden und ihr Andenken fast vergessen. Nur die Tritonen und die Aitherier bleiben ihrer Natur nah – letztere schon zu nah. Zu arrogant sind sie geworden, haben sich als Götter über ihre Brüder erhoben, sie bestohlen und geblendet. Haben Opfer verlangt, Verehrung eingefordert, die Blutsbande getrennt, Verderben gebracht.
„Ein halbvertrockneter Tritone“, schnaubt der Aitherier. „Es gibt wohl kaum einen jämmerlicheren Anblick.“ Langsam kommt er näher und breitet bedrohlich seine vom Kampf lädierten Schwingen aus. Hier werden sie ihm nicht helfen.
„Ein Gezeitenformer“, erkennt er mit einem Blick auf das Symbol auf meiner Robe. „Nicht irgendein Gezeitenrufer, sondern einer der drei Spitzen des Dreizacks, einer der mächtigsten Tritonen selbst. Du bist Antrios der Wellenbrecher!“
Ich gestatte mir ein flüchtiges Lächeln, als ich den Hauch von Respekt, ja sogar Angst in das Gesicht meines Feindes treten sehe.
„Der bin ich“, bestätige ich schwach. „Doch all dies ist nicht mehr wichtig. Nun denn, erfülle deine Pflicht und rühme dich, einen der drei Spitzen des Dreizacks zur Strecke gebracht zu haben.“
Der Aitherier lässt nur ein abfälliges Schnaufen erklingen.
„Dieser Ruhm ist bedeutungslos.“ Wütend wendet er mir den Rücken zu und mir kommt der Verdacht, dass mein Weg noch nicht zu Ende ist. „Was nützt mir dein Tod, Tritone? Lieber würde ich meine Tochter in Sicherheit wissen, die mit mir gefangen genommen wurde. Aber von solchen Dingen versteht euer Volk nichts.“
„Ach nein?“, frage ich bitter belustigt. Was denkt dieser Überflieger von uns? Das wir keine Familien haben? Dass wir einfach aus irgendwelchen Spalten im Tiefseegraben gekrochen kommen?
„Ich habe auch eine Tochter. Sie steht kurz vor ihrer Reife als Frau und zeigt bereits jetzt das Talent eines Gezeitenformers. Ich bin sehr stolz auf sie.“
Verwirrt dreht mein Zellengenosse sich um und erstmals tritt so etwas wie ein nachdenklicher Ausdruck in sein Gesicht.
„Möchtest du sie wiedersehen?“, fragt er.
Diesmal bin ich es, der abfällig schnaubt.
„Natürlich. Was denkst du wohl?“
„Dann teilen wir einen Wunsch.“ Mit großen Schritten kommt der Aitherier auf mich zu, bis er vor mir in die Hocke geht. „Lass uns unsere Kräfte vereinen und den Kindern der Erde zeigen, dass man nicht ungestraft einen der unsrigen festsetzt! Danach können wir immer noch getrennte Wege gehen.“
„Waffenstillstand für einen Kampf?“, frage ich zweifelnd. „Als ob ich mich mit einem Aitherier verbünden würde!“ Ich mag den Klang der See vergessen, meine Heimat verloren haben, aber meinen Stolz als ranghoher Tritone werde ich mir bis zum trockenen Tode bewahren – er ist das Einzige, was mir noch bleibt. „Glaubst du zudem, ich hätte nicht selbst versucht, zu entkommen? Wir beide sind dem beraubt, was uns stark macht, selbst zu zweit kommen wir hier nicht raus. Ihr mögt euch für Götter halten, aber hier bist du nichts weiter als machtloses Gewürm!“
In den nachfolgenden Momenten kann ich förmlich beobachten wie sich das Gesicht des Himmelskriegers zu einer Maske der Wut verzerrt. Gut so. Nun wird er mir endlich zum Frieden verhelfen, den ich suche.
„Arrogant wie immer, Tritone!“ Fauchend baut er sich vor mir auf. „Zu stolz, um seine zerszausten Federn hinter sich zu lassen. Ist dir der Gedanke, mit mir zusammen zu arbeiten, so zuwider, dass du dafür ein mögliches Wiedersehen mit deiner Tochter aufgibst?“
„Es ist nicht möglich“, wiederspreche ich. „Sieh deinem Versagen ins Gesicht, Aitherier!“
Unbeindruckt peitscht der Aitherier seine Schwingen durch die Luft.
„Der einzige, der je versagt hat, bist du, Tritone! Du hast bereits alles aufgegeben, was dich zu einem fühlenden Wesen macht, genau wie dein ganzes Volk! Ihr versteckt euch hinter einem Wall aus Stolz, zu eingebildet um eure Fehler zuzugeben. Welcher eurer Anführer hat sich nochmal zum alleinigen Gott über den Ozean erhoben? Poseidon?
Ihr seid überheblich und armselig! Alles an dir beweist es! Könnt ihr überhaupt Liebe empfinden? Wohl kaum, du liebst ja noch nicht einmal deine eigene Familie!“
Ich fühle, wie die Worte mich treffen. Wie kann dieser möchtegern Sohn-der-Götter es wagen, mir meine Gefühle abzuerkennen!?
„Ich liebe meine Familie“, sage ich schwach.
„Liebe ist, wenn man alles hinter sich lässt und nur noch das Wohl des anderen im Mittelpunkt steht. Wenn ihr Tritonen wirklich Gefühle hättet, dann würde deine Tochter dich vermissen. Sie würde nicht ohne Vater aufwachsen wollen. Und du hinderst dich mit deinem eigenen Stolz, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Das ist armselig! Weißt du, was ich von euch Tritonen halte? Das!“
Ein Geräusch von raschelnden Stoff, dann höre ich ein Plätschern, als der Aitherier mir mitten ins Gesicht pinkelt. Wütend gräbt sich meine rechte Hand in den Dreck des Zellenbodens, wo sie den Löffel findet, mit dem Gefangene ihre Mahlzeiten zu sich nehmen. Wie kann er es wagen!? Wie kann er glauben, so herablassend zu einer der drei Spitzen des Dreizacks zu sprechen? Wie kann er es wagen, meine Familie zu beleidigen und mich dann auch noch zu erniedrigen!?
Das erste Mal seit Wochen in dieser Zelle schaffe ich es, mich auf meine Beine zu stellen. Meine Hand umschließt fest den kleinen Löffel aus Metall, der sich langsam zu verformen beginnt.
„Oh, der Meermann hat Laufen gelernt. Sieh, wie überlegen er uns ist“, spottet mein Widersacher und nun ist es mir zu viel. Wütend ramme ich ihn den Löffel, der sich zwischen meinen Fingern zu einer behelfsmäßigen und stumpfen Klinge verformt hat und ramme sie ihm direkt in den Hals.
Blut spritzt mir ins Gesicht und ich spüre, wie meine Poren die Flüssigkeit gierig aufsaugen. Immer mehr des roten Lebenssafts läuft meine Arme hinunter und wird von meinem Körper aufgenommen, bis meine einstmals blauen Schuppen anfangen, einen rötlichen Ton anzunehmen. Erst, als das Herz meines Feindes nicht mehr schlägt, werfe ich den schlaffen Körper befriedigt in die hinterste Ecke des Gefängnisses. Aber meine Wut schwelt nach wie vor in mir. Es ist noch nicht vorbei!
Meine Hände finden die in die Zellenwand eingelassenen Ketten. Jetzt werden auch die Kinder der Erde die Macht eines Gezeitenformers kennenlernen. Das Eisen schmilzt zwischen meinen Fingern, formt sich neu, bis ich einen schweren Dreizack in den Händen halte. Ich höre aufgeregte Stimmen von draußen, aber die Worte bleiben ohne Sinn für mich, die Menschensprache hat sich zu sehr von der unsrigen verändert.
Ein Hieb und das Holz der Tür zersplittert. Ich höre Schreie und nach dem nächsten Stoß kann ich auch ihre Urheber sehen. Zwei Wachen stehen in der Tür, beide mit gezogenen Schwertern, die Mienen von Angst gezeichnet. Ich zögere nicht lange und mit einem Stich liegt der erste tot am Boden. Sein Kamerad starrt nur entsetzt auf die Leiche, bevor ich auch ihn aufspieße und über mir an die Wand pinne. Wie eine Frucht quetsche ich ihn aus, bis auch sein Blut am Stil der Waffe, meinen Armen und schließlich meinen Brustkorb hinunterläuft. Mehr Kraft ...
Zorn gibt mir den Antrieb, den ich brauche und in den nächsten Minuten zieht ein Kampf nach dem nächsten in einem roten Wirbel an mir vorbei. Mir ist es egal, wie viele ich töte, ich will nur Rache! Und Freiheit!
Wahllos breche ich Türen auf, mal führen sie in andere Zellen, mal in längere Korridore. Ich mache keinen Unterschied mehr. Ich töte jeden, der in meinen Weg kommt, egal, ob er bewaffnet ist, sich mir entgegenstellt, oder auf die Knie sinkt und mich in seiner Sprache bettelnd um Vergebung anfleht.
Erst als ich eine weitere Zellentür aufbreche, halte ich inne. Auf dem Boden vor mir sitzt eine junge Aitheria. Das muss die Tochter meines Zellengenossen sein. Sie wird dasselbe Schicksal wie ihr Vater erleiden!
Der Zorn verschwindet aus meinem Geist, als die nachfolgende Erkenntnis allen Platz für sich beansprucht. Der Aitherier muss gewusst haben, dass ein Magier der Tritonen Kraft aus Flüssigkeit zieht.
„Liebe ist, wenn man alles hinter sich lässt und nur noch das Wohl des anderen im Mittelpunkt steht“, erinnere ich mich an seine Worte. Er hat mir nicht ins Gesicht gepinkelt, um mich zu verspotten, nein, er hat es getan, damit ich mich wieder bewegen kann! Er hat mich beleidigt, damit ich ihn töte und sein Blut mir die Flüssigkeit gibt, die ich brauche, um wieder der mächtige Gezeitenrufer zu sein, der ich einst war. Er hat sich geopfert, damit vielleicht der Hauch einer Möglichkeit besteht, dass seine Tochter freikommen kann!
Erstmals bin ich beeindruckt von der Größe eines Aitheriers. Ganz langsam sinke ich vor der Tochter des Himmels auf die Knie, während sie meinen inzwischen rotgefärbten Körper mit Schrecken anstarrt.
„Zeigt mir das Meer und ich zeige Euch den Himmel, denn ich, Antrios der Wellenbrecher stehe in der Schuld Eures Vaters. Lasst sie mich begleichen.“


Schreibwettbewerb zum Thema: Auf der Flucht

 

Die falsche Seite der Furcht

Mit einem lauten Tschock, bohrt sich ein Armbrustbolzen nur eine knappe Handbreit von meinem Kopf entfernt in den porösen Sandstein des Wohnhauses, in dessen Schatten ich mich zum Schutz vor der Sonne gelegt habe. Verwirrt hebe ich den Kopf und sehe den Schützen am anderen Ende der Straße seine Waffe nachladen, während er mit lauten Rufen seine Kameraden herbeiordert. Doch es ist kein einfacher Straßenbandit, wie ich vermutet habe, sondern einer der Hüter, ein Beschützer des Volkes!
Nun tauchen auch andere Uniformierte hinter dem Schützen auf und ziehen ihre halbmondförmigen Schwerter. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass mein Leben in ernsthafter Gefahr schwebt und die Hüter keine Rücksicht darauf nehmen werden, ob sie mich lebendig, tot oder zerstückelt zu fassen bekommen, schließlich haben sie ohne Warnung auf mich geschossen!
Was habe ich nur getan? Was kann so schlimm gewesen sein, dass sie mich töten wollen?
Okay, ich habe letzte Woche auf dem Markt gestohlen und bin gesehen worden, aber ich habe nie zuvor gehört, dass die Hüter deswegen auf einen Bürger schossen!
Ich sehe, wie der Hüter vor mir erneut mit der Waffe auf mich zielt und erst jetzt schaffe ich es, meinen Beinen den Befehl zum Laufen zu geben. Der Bolzen saust an mir vorbei und ich meine den Luftzug des Geschosses auf der Haut meines nackten Armes spüren zu können. Ich muss weg hier, und zwar schnell!
Ich weiß genau, dass ich mich eigentlich stellen sollte und dass ich die Situation in diesem Moment nur verschlimmere, aber die gezückten Schwerter und der Bolzen, der beinahe meinen Schädel gespalten hätte, flößen mir eine enorme Angst ein.
Flink springe ich über die in der Seitengasse aufgestapelten Fässer, um vor weitere Geschossen sicher zu sein, biege um die nächste Ecke und renne in Richtung des Markplatzes weiter. Heute sind viele Karawanen aus den umliegenden Dörfern angereißt und es ist so voll wie selten zuvor in unserer Stadt. Vielleicht kann ich die Hüter in dem Gedränge abhängen.
Zügig lasse ich die Enge der Gassen hinter mir und finde mich plötzlich im dichten Menschenmenge wieder. Die plötzliche Hitze, die hier auf offenem Feld herrscht, bringt mich ins Taumeln. Wenn ich mich hier zu lange aufhalte, könnte mich ein plötzlicher Hitzschlag ins Reich der Träume und damit in die stählernen Hände der Hüter befördern.
Was habe ich denen nur getan?
Rücksichtslos werfe ich mich in die Menge hinein und empörte Rufe begleiten meinen Weg. Doch mehr Zeit als für einen Fluch und eine Verwünschung meiner Familie nimmt sich niemand, denn ich bin nur ein Junge, der sich eilig seinen Weg über den Marktplatz bahnt, um schnell auf der anderen Seite unter den großen Zeltplanen Schutz vor der sengenden Sonne zu finden. Jedenfalls bin ich das immer gewesen. Was ich nun in den Augen der Hüter darstelle, mag ich mir gar nicht vorstellen.
Unruhig riskiere ich einen Blick über meine Schulter, doch ich bin umringt von hochgewachsenen Gestalten, die sich geschäftig über den Platz drängeln, und mir die Sicht auf meine Verfolger versperren. Hoffentlich gilt dies auch umgekehrt. Doch die Hüter wären nicht Hüter gewesen, wenn sie ihr Ziel so einfach aus den Augen verlieren würden.
„Gebt den Weg frei! Im Namen des Großen Bewahrers!“, höre ich laute Rufe aus bedrohlicher Nähe über den Platz schallen, die mich mein Tempo verdoppeln lassen. Ich schubse und schiebe mich durch die Menschen, ducke mich unter einem Kamel unterdurch und nur kurze Zeit später erreiche ich den Rand des Platzes. Geduckt verschwinde ich hinter einem Markstand und von da aus in der nächsten Gasse. Gut so! Die Hüter würden spätestens jetzt meine Spur im Gedrängel verlieren. Ich habe also genug Zeit, mir ein sicheres Versteck zu suchen – und ich weiß auch schon genau wo!
Eilig, aber mit gemäßigten Tempo um nicht aufzufallen, laufe ich die gepflasterte Nebenstraße des Marktviertels entlang. Mein Ziel ist der Kräuterladen, in dem meine Schwester immer die Kaktusblumen der Glutsenke kauft, um den Tee gegen meine chronische Mondstarre zubereiten zu können. Der alte Sammler sieht mich immer gerne und wird mir auf jeden Fall helfen können. Dies alles muss ein Missverständnis zwischen mir und den Hütern sein. Er kann mir helfen, er weiß, dass ich nichts getan habe, was als Bestrafung meinen Tod nach sich ziehen würde.
Endlich, nach vielen Umwegen durch verschiedene Seitengassen, erreiche ich mein Ziel. Angenehme Kühle und der kitzelnde Geruch diverser Wüstenkräuter weht mir entgegen, als ich durch den Eingang des aus Sandstein gehauenen Wohnblocks trete. Der Alte schließt seine Tür nie ab, erst recht nicht am Markttag – mehrmals habe ich ihn bereits gebeten, es doch zu tun, schließlich gibt es hier noch andere, weit wertvollere Blüten, als die des Yaka-Kaktus´. Der niedrige Raum ist bis auf den grauen Hund, der vor dem Thresen sein Nickerchen hält, vollkommen leer. Kein Kunde, kein alter Kräutersammler erwarten mich.
Zögernd trete ich ein, worauf der tierische Wächter kurz mit einem Ohr zuckt, mir einen kurzen Blick zuwirft und sich dann wieder seinem Nickerchen widmet. Natürlich hat er mich erkannt. Aber irgendwas stimmt hier nicht. Wo war der Alte? Sind die Hüter etwa schon hier gewesen?
Voller Sorge spüre ich mein Herz schneller schlagen und hastig bahne ich mir den Weg zwischen geflochteten Körben, Krügen und Regalen voll duftender Kräuter hindurch. Hoffentlicht ist nichts passiert. Vor allem, woher sollen die Hüter von meiner Verbindung zu diesem Ort wissen? Aber es ging hier immerhin um die Hüter, die treuen Anhänger des Großen Bewahrers! Ich spüre, wie mir die Angst langsam die Kehle zuschnürt. Was geschieht hier nur?
Mit den schlimmsten Befürchtungen stoße ich die Tür zum Nebenraum auf und Erleichterung durchflutet meinen Körper, als ich Kia am Tisch die Samen der Ragnu Frucht aus den getrockneten Hülsen pellen sehe.
„Dem Bewahrer sei Dank!“, entfährt es mir und voller Freude stürme ich auf meine Freundin zu, um sie ganz fest in meine Arme zu drücken. Doch Kia weicht von mir und greift angsterfüllt nach dem langen Messer, welches bis eben noch ein notwendiges Werkzeug bei ihrer Arbeit und keine Waffe gewesen ist. „Verschwinde von hier!“, fährt sie mich an, wodurch ich augenblicklich innehalte.
„Kia“, kommt es mir verstört über die Lippen. Langsam versuche ich mich ihr zu nähern, doch sie stolpert nur weiter von mir weg, bis sie mit dem Rücken gegen eins der Regale prallt. Was ist passiert? Erst vor wenigen Tagen haben wir zusammen die Nacht miteinander verbracht, waren glücklich, wie nie zuvor in unserem Leben und haben uns geschworen, für immer zusammen zu bleiben. Was hat sich bloß geändert? Und wie konnte es so schnell geschehen?
„Verschwinde, Hexer!“, schreit sie mir entgegen und ich kann einen grünen Funken in ihren Augen aufblitzen sehen. Mondstarre! Ich selbst kenne die Symptome nur zu gut. Verdammt, ich habe sie doch nicht etwa infiziert? Der alte Mann, ihr Großvater, hat mir versichert, dass Mondstarre nicht ansteckend ist. Ich hätte sonst nie mit ihr das Bett geteilt, dafür liebe ich das Mädchen mir gegenüber zu sehr! Aber vielleicht dachte der Alte, wir wären noch zu jung, um uns auf körperlicher Ebene füreinander zu interessieren. Beim großen Bewahrer, trotz meiner Jugend hätte er mir das sagen müssen!
Reumütig schaue ich meine zitternde Freundin an. Mondstarre löst starke Angstzustände aus. Kein Wunder, dass sie mich einen Hexer nennt. Kia hat seit jeher Angst vor Magiern, sie hat es mir eines milden Abends verraten, als wir gemeinsam auf dem Dach saßen und den Sonnenuntergang über der Wüste beobachteten. Tröstend habe ich damals meinen Arm um ihre Schultern gelegt und ihr grinsend versprochen, dass ich jeden Magier zu Brei schlagen werde, der ihr zu nahe käme. Doch wie es aussieht, ist diese Erinnerung bereits von der Krankheit verdreht worden.
In meiner Betroffenheit, überhöre ich das Kläffen des Hundes, der unerwartete Besucher ankündigt. Erst, als das Klirren von Stahl an meine Ohren dringt, und sich zwei Hüter hinter mir mit gezogenen Sichelschwertern in den Raum drängen – die von einem blauen, runenverzierten Umhang verborgenen Körper hinter einem mannshohen Schild geschützt, in ihren Augen höchste Konzentration liegend – drehe ich mich verwirrt um.
Nur vorsichtig, als würde ich sie im nächsten Moment anspringen, rücken die beiden Soldaten vor. Dabei bin ich bis auf das kurze Messer am Gürtel meines Umhangs vollkommen unbewaffnet.
„Du bist gestellt, Hexer“, zischt der größere der beiden Krieger. „Laut dem Gesetz des Großen Bewahrers ist das Praktizieren jedweder Magie verboten und wird mit dem Tode bestraft. Nimm sofort Abstand zu dem armen Mädchen, dessen Seele du vergiftet hast und dir wird ein schneller Tod gewährt.“
Endlich verstehe ich die Situation.
Ich habe Kia mit Mondstarre angesteckt. Ihr Großvater ist draußen in der Wüste unterwegs, um ihr die Blüten der Yaka-Kaktee zu besorgen, den lezten Vorrat hat meine Schwester schließlich letzte Woche gekauft; nur das kann wichtiger als der Markt sein. Kia hat Wahnvorstellungen! Warum hat er niemandem vorher etwas gesagt? Er musste doch wissen, dass sie mich plötzlich für einen Hexer hält.
Der Schock trifft mich zutiefst! Er will jemand besseren für seine Enkelin, als einen einfachen Straßenjungen ... selbst wenn sie sich dafür mit Mondstarre ansteckten muss ...
Ich öffne den Mund, aber die Hüter geben mir keine Gelegenheit, die Situation aufzuklären, zu groß ist ihre eigene Angst vor einem vermeintlichen Magier, der die Stadt ins Chaos stürzen könnte. Was danach folgt, geschieht zu schnell für meine Augen. Ich spüre scharfen Stahl meinen Leib durchdringen, doch der physische Schmerz ist unbedeutend zu dem Leid in meiner Seele, als ich im Augenblick meines Todes den letzten gegen die Krankheit aufbegehrenden Funken des Verstehens in Kias Augen erblicke.
Ich will ihr sagen, dass es nicht ihre Schuld ist, will ihr sagen, dass ich sie auf ewig lieben werde, aber mein Bewusstsein schwindet bereits. Alles was bleibt ist ein letzter Gedanke.
Es tut mir leid ...


Schreibwettbewerb zum Thema: Und über allem wachen die Gestirne

 

Der Kreis schließt sich

Ein leichter Wind zog herauf und sorgte dafür, dass die hohen Gräser raschelnd zu Flüstern begannen. Nur ein paar Sekunden, dann war es wieder so still in der Ebene wie in den vergangenen Stunden. Gedankenverloren starrte Naro in den wolkenlosen Himmel.
„Vater?“
„Hmm?“, erwiderte der Mann, der neben dem Jungen im Gras saß und gerade dabei war, ein Lagerfeuer mit einem Stock zu entfachen.
„Was sind das eigentlich für leuchtende Punkte dort oben?“
Sein Vater antwortete nicht. Stattdessen bemerkte Naro, wie er seine Arbeit einstellte und sich an seine Seite setzte.
„Das, mein Junge“, sagte er, den Blick nun ebenfalls in den Himmel gerichtet, „sind die Geister unserer Ahnen. In klaren Nächten zeigen sie sich und schauen zu uns herunter, um sich zu vergewissern, dass wir ihre Fehler nicht wiederholen. Sie sind immer dort oben und beschützen uns.“
„Auch Großvater?“
Der Mann senkte den Blick und sah seinem Sohn lächelnd ins Gesicht. „Ja, auch Großvater. Nun schlaf ein wenig. Deine Ahnen und ich werden gemeinsam über dich wachen.“

Nacht legte sich über das kleine Städtchen und bedeckte die Häuser mit einer Decke aus dunklem Samt. Nur hinter wenigen Fenster glomm noch das schwache Licht von rußigen Petroleumlampen. Henry sah sie vom Balkon seines Hauses aus. Doch was ihn eigentlich interessierte, lag ganz woanders.
Sehnsüchtig lenkte er den Blick in den von leuchtenden Punkten durchzogenen Nachthimmel. Wie viele es waren. Träumerisch ließ Henry seine Gedanken schweifen und fand erst in die Realität zurück, als er die Tür zum Balkon hörte.
„Kannst du nicht schlafen“, fragte sein Vater und lehnte sich neben ihm ans Geländer. Der Junge schüttelte den Kopf.
„Ich habe die Gestirne beobachtet“, sagte er, „und mich gefragt, was genau sie eigentlich sind.“
„Ah.“ Ein Lächeln erschien im Gesicht seines Vaters. „Was du dort oben siehst, sind weit entfernte Welten.“
„Welten?“, fragte Henry. „Aber Pfarrer Tallington hat uns in der Schule erzählt, es wären die Seelen der Verstorbenen, die von Tuluk in seinem himmlischen Garten aufgenommen werden und zu uns hinunterblicken.“
„Wenn das wahr ist, wieso fragst du dich dann, was die Sterne sind?“, erwiderte sein Vater.
Henry antwortete nicht sofort. Stattdessen lenkte er abermals seinen Blick zum Firmament.
„Was für Welten sind dort, Vater?“
„Welten wie die unsere. Der ganze Himmel ist voll davon. Erst gestern sah ich einige von ihnen durch mein Teleskop. Irgendwann werde ich den Professoren an der Akademie ihre Existenz beweisen können. Sie sind nämlich rund. Rund wie die Murmeln, mit denen du und deine Freunde immer spielen. Und genauso rund wie die Erde und unsere Sonne.“ Er lächelte und legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. „Komm mit, ich zeige es dir!“

Es war spät. Luca gähnte, bevor er sein Gesicht auf seine Fäuste stützte und mürrisch auf den leeren Block vor seiner Nase starrte. Dann bemerkte er die Schritte auf den Flur.
Eilig griff Luca nach seiner Schreibtischlampe und löschte das Licht, doch er war nicht schnell genug. Die Tür ging auf und herein schielte sein Vater. Seine spärliche Bekleidung sowie die unordentliche Frisur deuteten darauf hin, dass er nur eben in der Küche gewesen war, um etwas zu trinken und eigentlich weiterschlafen wollte.
„Bist du noch nicht im Bett?“, zischte er wütend. „Los, ab jetzt. Du musst morgen früh zur Schule!“
„Aber ich bin noch nicht fertig“, verteidigte sich Luca. „Ich muss noch Hausaufgaben für Sachkunde machen. Und ich komme nicht weiter.“
Sein Vater seufzte. Glücklicherweise wurden seine Züge weicher.
„Dann zeig mal her. Was genau sollst du denn machen?“ Etwas ungelenk hockte er sich neben Luca auf den Boden, um einen näheren Blick auf seinen Block zu haben, auf dem bisher nur die Aufgabenstellung stand.
„Wir sollen schreiben, was Sterne sind“, erwiderte der Junge. „Aber ich habe keine Ahnung davon. Die Frage habe ich mir nie gestellt.“
Sein Vater antwortete nicht, sondern las die Aufgabe.
„Du sollst schreiben, was du glaubst, was Sterne sind. Du kannst deiner Fantasie also freien Lauf lassen.“
Luca murrte nur.
„Aber das ist dann bestimmt nicht richtig. Und ich will das Richtige aufschreiben. Die Aufgabe ist blöd.“
„Wieso hast du deine Mutter nicht um Hilfe gefragt.“
„Habe ich, aber sie meinte, das verstehe ich nicht, dazu wäre ich noch zu klein.“
Bockig verschränkte er die Arme vor der Brust und starrte trotzig zu seinem Vater. Dieser lächelte müde.
„Okay, dann pass mal auf. Sterne sind massereiche Himmelskörper aus brennendem Gas. Ihre eigene Schwerkraft hält sie zusammen und auf ihrer Oberfläche herrschen heißere Temperaturen als in jedem Schmelzofen. Um manche kreisen sogar Planeten, so wie die Erde um unsere Sonne. Denn die Sonne ist auch ein Stern. Von irgendeinem anderen Punkt im Universum aus würdest du sie genauso wahrnehmen wie jeden anderen Stern am Himmel auch.“
Sein Vater unterbrach sich, da Luca bereits fleißig zu schreiben begonnen hatte. Er wollte alles festhalten, bevor er die Worte seines Vaters wieder vergessen würde. Der ältere Mann erhob sich vom Boden.
„Wie ich sehe, kannst du die Aufgabe nun lösen. Wenn du fertig bist, gehst du aber sofort ins Bett, versprochen?“
Luca sah auf.
„Versprochen, Dad. Danke für deine Hilfe.“

Bedrückt starrte Tiberius auf das Hologramm, welches vor ihm an die Wand geworfen wurde. Die meiste Zeit blieb es dunkel; nur ab und zu – in der Regel wenn die Erde bebte – zeigte sich eine rote Säule aus Feuer, die sich todbringend in den Himmel schraubte. Hinter ihm hatten sich die anderen Kinder auf dem Boden zusammengerollt. Sie hatten nicht genug Decken, also wärmten sie sich gegenseitig.
„Du solltest dir das nicht ansehen“, hörte er plötzlich eine Stimme in seinem Rücken flüstern. „Leg dich lieber zu den anderen. Es wird bald vorbei sein.“
Tiberius drehte sich um und erkannte seinen Vater, der sich langsam der Konsole näherte. Dank ihm war Tiberius etwas Besonderes. Die wenigsten Kinder hatten einen Vater.
„Ich kann nicht schlafen“, sagte er. Erneut fuhr ein Donnern durch die Wände des Bunkers und Tiberius zuckte zusammen. An Tagen wie diesen war es besonders schlimm. Allmählich bezweifelte er, dass er jemals etwas anderes außer das Innere dieses Bunkers sehen würde. Ab und zu gingen die Erwachsenen nach draußen – immer weniger kamen zurück.
Sein Vater legte eine Hand auf die Konsole und wollte das Hologramm ausschalten, aber Tiberius hielt ihn davon ab.
„Siehst du das?“, fragte er und deutete auf den schmutzverhangenen Himmel. „Ab und zu funkelt etwas Weißes dort oben. Da war es gerade wieder! Was ist das?“
Die Mundwinkel seines Vater zuckten leicht. Er wirkte traurig.
„Hoffnung, mein Sohn.“
„Hoffnung?“
„Ja.“ Sanft legte sein Vater ihm eine Hand auf die Schulter. „Jeder dieser glitzernden Punkte zeigt eine neue Chance auf ein Überleben. Wir suchen nach ihnen. Und irgendwann finden wir einen, der uns in ein besseres Leben führt – der uns einen neuen Anfang ermöglicht! Es sind Wegweiser. Wir müssen nur den richtigen unter ihnen finden. Und das werden wir. Das verspreche ich!“

Ein leichter Wind zog herauf und sorgte dafür, dass die hohen Gräser raschelnd zu Flüstern begannen. Nur ein paar Sekunden, dann war es wieder so still in der Ebene wie in den vergangenen Stunden. Gedankenverloren starrte Arendt in den wolkenlosen Himmel.
„Vater?“
„Hmm?“, erwiderte der Mann, der neben dem Jungen im Gras saß und gerade dabei war, ein Lagerfeuer mit einem Stock zu entfachen.
„Was ist das eigentlich für ein roter Punkt unter all den Sternen?“
Sein Vater antwortete nicht. Stattdessen bemerkte Arendt, wie er seine Arbeit einstellte und sich an seine Seite setzte.
„Das, mein Junge, ist die Ruhestätte und Heimat unserer Ahnen. In klaren Nächten zeigt sie sich, damit wir uns an sie und unsere Vorväter erinnern. Einige sind immer noch dort oben und halten Wache.“
Arendt überlegte.
„Ihre Heimat sieht krank aus“, sagte er schließlich. „Warum sind sie dort geblieben?“
Er drehte den Kopf und sah seinen Vater an, der nun auch in den funkelnden Himmel starrte.
„Sie blieben, damit wir leben können. Sie blieben, damit wir uns erinnern. Und sie blieben, weil sie einen Wunsch haben.“
„Einen Wunsch?“
„Ja“, erwiderte der Vater und nahm seinen Sohn in den Arm. „Den Wunsch, es besser zu machen als sie.“


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